Haus zur kleinen Waage
Station 8
Um 1100 wurde hier ein unterkellerter zweigeschossiger Steinbau in Ecklage errichtet, davon zeugt auch das romanische Fenstersäulchen in der Fassade. Im 13. Jahrhundert wurde eine weitere Kemenate im Westen angebaut. Das Grundstück bildete gemeinsam mit dem Nachbargrundstück eine Großparzelle. Um 1300 war diese Großparzelle im Besitz des wohlhabenden und angesehenen Juden Abraham von Rothenburg (vgl. Nrr. 4 und 9). Während des Pogroms 1349 wird das Gebäude teilweise zerstört. Nach der Wiederherstellung und der Aneignung durch den Stadtrat wurde es gemeinsam mit dem Nachbargebäude für über 350 Jahre als städtisches Waage- und Kaufhaus genutzt. Im 15. bis 17. Jahrhundert erfolgten mehrere Umbauten im Gebäude. 1712 wurde die Waage an den Anger (heutiges Angermuseum) verlegt und die Gebäude in der Michaelisstraße wurden zu Wohnungen umgebaut. In der Kleinen Waage lebten im 18. und 19. Jahrhundert u.a. ein Arzt, ein Buchdrucker und ein Graupenhändler. Nach der Sanierung im Jahr 1994 wurde hier 1996 die Restaurierungswerkstatt der Universitätsbibliothek eingerichtet.
Stein mit jiddischer Inschrift
In den 1990er Jahren wurde bei Umbauarbeiten im Haus zur Kleinen Waage ein Stein mit den Resten einer hebräischen Inschrift entdeckt. Er war wohl kurz nach 1350 verbaut worden, als man eine Tür im Keller zugemauert hatte. Auf der Vorderseite zeigt der Stein starke Brandspuren, die möglicherweise vom Pogrom 1349 stammen.
Durch das Feuer ist auch die Inschrift stark beschädigt worden, man erkennt nur schwer einzelne Buchstaben. Die lesbaren Buchstaben lassen jedoch eindeutig den Schluss zu, dass es sich nicht um eine wirklich hebräische Inschrift handelt, sondern wohl um eine jiddische Inschrift in hebräischen Buchstaben. Jiddisch wurde im Mittelalter in hebräischen Buchstaben geschrieben, erste Texte auf Pergament kennen wir seit dem 13. Jahrhundert, Inschriften auf Stein sind dagegen sehr selten. Als Bauinschrift ist der Erfurter Stein bislang singulär.
Die wahrscheinlichste Lesung scheint קלטיר קלר zu sein, was „Kalter Keller“ oder „Kelter Keller“ bedeuten und damit auf die Lagerung bzw. Produktion von Bier oder Wein hindeuten könnte.