Haus zur großen Waage / Abraham von Rothenburg und die Aneignung jüdischer Grundstücke
Station 9
Abrahams Familie stammte vermutlich aus Rothenburg ob der Tauber. Zwischen 1293 und 1317/27 ist er der in Erfurt am häufigsten als Geldhändler und Grundstücksbesitzer genannte Jude.
Durch Zeugenschaft in verschiedenen Urkunden kann er im direkten Umfeld des Mainzer Erzbischofs nachgewiesen werden. Dies ist für einen Juden einmalig. Außerdem gehörten ihm über die Jahre sechs Grundstücke im Stadtzentrum, darunter die Höfe mit den Durchgängen zur Synagoge.
Wahrscheinlich handelte es sich bei ihm um eine in der jüdischen Gemeinde, aber auch in der christlichen Bevölkerung sehr angesehene Person. Seine drei Söhne verließen die Stadt wohl in den 1320er Jahren.
Nach der von Teilen der städtischen Eliten organisierten Auslöschung der jüdischen Gemeinde am 21. März 1349 eignete sich der Stadtrat den jüdischen Grundbesitz an. Die Grundstücke wurden an reiche Christen verkauft. Später finden sich auch wieder jüdische Eigentümer in der Michaelisstraße (siehe Nr. 11).
Eine Ausnahme bildete der begonnene Großbau des Abraham von Rothenburg, der sich aufgrund seiner Größe und Lage für die Nutzung als Waage- und Kaufhaus durch den Stadtrat selbst anbot.
Haus zur großen Waage
Im 12. und 13. Jahrhundert bildeten die Grundstücke Michaelisstraße 6 und 7 eine Großparzelle, romanische Bausubstanz ist allerdings nur auf dem Grundstück Nr. 6 erhalten. Um 1300 war die Großparzelle im Besitz des Abraham von Rothenburg (vgl. Nrr. 4 und 8). Er plante hier eines der größten Wohngebäude des mittelalterlichen Erfurt. Errichtet wurden die dreigeschossigen steinernen Außenwände mit einer großzügigen Durchfensterung und einer Verkleidung mit Steinquadern. Kellerwände mit Fenstern und Lichtnischen wurden gebaut, der Keller aber nicht fertiggestellt. Spätestens mit dem Pogrom von 1349 wurde das Bauvorhaben gestoppt, der Rohbau brannte aus. Nach der Aneignung durch den Stadtrat wurde das Gebäude vereinfacht fertiggestellt und gemeinsam mit dem Nachbargebäude für über 350 Jahre als städtisches Waage- und Kaufhaus genutzt.
In den darauffolgenden Jahrhunderten erfolgten verschiedene Umbauten, so wurde im 14. oder 15. Jahrhundert das große spitzbogige Hoftor zur Waagegasse und 1632 die Kontorstube mit frühbarocker Stuckdecke ausgestattet. 1712 wurde die städtische Waage an den Anger verlegt (heutiges Angermuseum). Das ehemalige Waagegebäude in der Michaelisstraße wurde um ein Geschoss zurück- und zu Wohnungen umgebaut. Im 18. Jahrhundert lebten hier ein kurfürstlich-mainzischer Regierungsrat, ein Amtmann und ein Justizrat. Im 19. Jahrhundert nutzten Großhändler und ein Buchdrucker das große Grundstück. In den Jahren 2014–2017 wurde es saniert und umgebaut.